Stellvertreterkrieg in Jemen

24.07.2022

Weltgeschehen

Jemen: Geografie und Geschichte des Jemenkrieges

Jemen, ein Land im Nahen Osten, welches 1,5-mal größer als Deutschland ist, allerdings nur 32 Millionen Einwohner beherbergt, ist als das sowohl politisch als auch wirtschaftlichste instabilste Land der Welt bekannt. Seit Jahren herrscht im Jemen ein blutiger Bürgerkrieg zwischen dem sogenannten Huthi, der zentralen Regierung des Jemen und islamistischen Terrorgruppen wie z.B. einem Ableger der al-Qaida. Auf dem Demokratieindex der englischen Zeitschrift The Economist steht Jemen weit unten auf Platz 154 von 167.

Aber auch die geografische Lage des Landes ist für dieses nicht unbedingt vorteilhaft. Jemen grenzt nur an zwei Länder, Saudi-Arabien und den Oman, und mit Saudi-Arabien befindet sich der Jemen teilweise und indirekt im Krieg. Das erschwert es für Flüchtlinge aus dem Land und nach Europa zu kommen. Das ist auch der hauptsächliche Grund, aufgrund dessen wir hier in Europa so wenig von dem dortigen Konflikt mitbekommen. Jedoch nimmt das Land auch eine sehr wichtige strategische Lage ein, da es an die Meerenge Bab al-Mandab grenzt, eine wichtige Verbindung zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean. Was diese Meerenge so wichtigmacht, ist, dass ungefähr 40% des weltweiten Handels zur See durch diese verlaufen.

1839 eroberten die Briten Jemen aufgrund der Bedeutung Jemens für ihren Überfahrten nach Indien. Die Bedeutung des Jemen wurde auch noch dadurch gesteigert, dass die Briten 1869 den Suezkanal eröffneten. Damit erhielt der Jemen erstmals internationale Bedeutung und wurde zu einer durchaus wichtigen britischen Kolonie. Doch das Osmanische Reich kontrollierte ebenfalls einen Teil des Jemen, und zwar schon seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das führte zu Grenzproblemen zwischen England und den Osmanen, die 1905 gelöst werden konnten. Der Jemen wurde in einen osmanisch kontrollierten Norden und britisch kontrollierten Süden unterteilt. Damit war das Land das erste Mal richtig gespalten. Doch nur 13 Jahre später geht 1918 das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg unter und der Nordjemen erhält seine Freiheit und wird ein Königreich. Nach einem Kolonialkrieg und Verhandlungen mit England erlangte auch der Südjemen 1967 seine Unabhängigkeit.

Am 22. Januar 1990 verkündeten der Nord- und Südjemen die Vereinigung. Der schon seit 1978 über den Nordjemen regierende Ali Abdullah Salih wird daraufhin Präsident des Jemen. Dennoch akzeptierte der Süden die Vereinigung mit dem Norden nicht unbedingt und die ehemalige Armee des Jemen rebellierte und ein kurzer Bürgerkrieg folgte. Nur unter großen Anstrengungen konnte der Konflikt beigelegt werden. Dennoch hatte der Bürgerkrieg für den Jemen gravierende Folgen, denn er verhinderte die gerade erst einsetzende Demokratisierung und führte dazu, dass das Land 1999 wieder zu einem Einparteienstaat unter Präsident Salih wurde, was 2001 durch eine Verfassungsreform noch weiter bestätigt wurde.

Nach dem Bürgerkrieg setzte der Präsident Salih jedoch unglücklicherweise auf Vergeltung und Repression. Massenweise wurden ehemalige Politiker, Militärs und Verwaltungsbeamte des ehemaligen Südstaates entlassen. Dadurch schuf Salih einen wackligen und unzufriedenen Süden, was auch bis heute noch Konsequenzen hat. Doch nicht nur den Süden hatte er im Visier, auch die einheimischen Stämme im Norden. Er fürchtete, die Stämme konnten eine Allianz gegen seine Regierung formen und ihn stürzen. Obwohl er selbst ein Zaidit ist, seine Machtposition jedoch nicht geschwächt sehen wollte, hatte er es primär auf die zaiditischen Stämme abgesehen, welche bislang großen Einfluss in der Politik hatten. Zaiditen sind ein Ableger des islamischen Schiitismus.

Währenddessen verschlechtert sich auch die wirtschaftliche Lage im Land mit der Konsequenz von Massenarbeitslosigkeit und Hungersnöten. Von der Politik im Stich gelassene Bürger protestieren schließlich im Jahre 2012 landesweit gegen die damalige Regierung und erreichten den Rücktritt von Präsident Salih. Dieser übergab die Macht an seinen Vizepräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Doch konnte Hadi entgegen aller Hoffnungen weder das Land vereinen noch für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen. Die Zentralregierung wurde weiter geschwächt. Der Anführer der Huthi, einer Stämmevereinigung aus dem Norden, Hussein Badreddin al-Huthi wusste diese Gelegenheit zu nutzen. 2014 starten die Huthi einen Eroberungsfeldzug und nahmen in beeindruckender Geschwindigkeit den fast gesamten Westen des Landes und die Hauptstadt Sanaa ein. Präsident Hadi hatte den Huthi nur wenig entgegenzusetzen, da viele Soldaten seiner Armee desertierten. Daraufhin floh er für acht Jahre ins Exil, aus dem er vor drei Monaten zurückgekehrt ist und seine Macht gleichzeitig an den Präsidialrat des Jemen übergab, was Hoffnungen auf einen Waffenstillstand geweckt hat.

Inzwischen ist der Jemen zweigeteilt. Der größte Teil der Nordjemen wird von den Huthi kontrolliert und der Südjemen von der jemenitischen Zentralregierung. Aber auch terroristische Vereinigungen wie al-Qaida und weitere kontrollieren kleinere Gebiete des Jemen. Doch trotz alldem kann man nicht wirklich von einem Bürgerkrieg im Jemen sprechen, sondern eher von einem Stellvertreterkrieg zwischen den beiden islamischen und arabischen Großmächten Saudi-Arabien und dem Iran. Während Saudi-Arabien die Zentralregierung unterstützt, unterstützt die iranische Regierung die Huthi. Saudi-Arabien will die Etablierung eines vom Iran kontrollierten Brückenkopfes südlich ihres Landes verhindern, um im Kriegsfall nicht von dort aus attackiert zu werden. Doch aus wirtschaftlicher Sicht ist der Jemen für die Saudis profitabel. Denn wie bereits gesagt nimmt der Jemen eine wichtige strategische Lage ein, da es an die Meerenge Bab al-Mandab grenzt. Wenn die Saudis diese Meerenge kontrollieren würden, würde das bedeuten, dass sie Einfluss auf 40% des weltweiten Handels zur See hätten und auch dementsprechend Geld einnehmen könnten. Aber auch andere sunnitische Länder unterstützen die Zentralregierung, wie z.B. Ägypten.

Der Iran hat ähnliche Interessen wie die Saudis und will verhindern, dass diese ihren Einfluss im Jemen ausbreiten, denn Saudis und Iraner kämpfen schon seit Jahren um die Vorherrschaft in der arabischen Welt, auch auf Grundlage des religiösen Kampfes zwischen Sunniten und Schiiten, denn Schiiten und Sunniten kämpfen schon seit Jahrzehnten, welcher dieser zwei Zweige des Islams der Wahre ist. Aber auch eine libanesische Terrororganisation beteiligt sich auf der Seite der Huthi, die sogenannte islamistische Miliz Hisbollah. Diese bildet die Huthi aus und kämpft aktiv auf deren Seite mit. Das hat im Westen die Befürchtung geweckt, die Hisbollah bereite sich im Jemen auf einen Krieg mit dem Staat Israel vor.

Aber auch die USA mischen in dem Konflikt mit, zum Beispiel durch logistische Hilfe an die saudische Seite. Aber auch die deutsche Bundesregierung hat über eine lange Zeit Saudi-Arabien mit Waffen beliefert, welche im Jemen zum Einsatz gekommen sind. Doch auf Frieden ist trotz mehreren Friedensgesprächen nicht zu hoffen, denn dazu müsste zuallererst dem Konflikt zwischen dem Iran und den Saudis beigelegt werden. Was den Frieden sogar noch erschwert, ist das bereits erwähnte Unabhängigkeitsstreben des Südens, welcher die momentane de facto Hauptstadt Aden kontrolliert. Zwar ist auch die südliche Regierung noch ein Teil der Zentralregierung, strebt aber immer größere Unabhängigkeit von der Zentralregierung an. Der Süden wiederum wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt, welche eigentlich Verbündete der Saudis sind.

Die geringe Aussicht auf Frieden könnte damit zu noch hunderttausenden Toten führen, denn 60-70% des Jemen sind von Hunger geplagt. Das sind ungefähr 20 Millionen Menschen. Obwohl in diesem Konflikt wohl „nur“ ungefähr 9.000 Zivilisten und eine unbestimmte Anzahl an Kämpfern ihr Leben verloren, so gehen die Verluste dennoch in die Hunderttausende, z.B. durch zu wenig Nahrungsmittel. Dies wird durch den Konflikt in der Ukraine noch einmal verschärft, weil die Ukraine durch den Krieg nicht in der Lage ist, Lebensmittel aus dem Land zu exportieren, was sowohl zu Lebensmittelknappheit als auch zu höheren Preisen führt. Und auch die Hilfsorganisationen sind kaum in der Lage, die dortige Bevölkerung zu unterstützen, weil sie aufgrund der dramatischen militärischen und politischen Lage kaum dazu in der Lage sind, zu der Bevölkerung durchzukommen.

Auf Frieden und Stabilität scheint nicht zu hoffen zu seien, und das auch, weil man hier in Europa kaum etwas von diesem Krieg mitbekommt. Die Presse hat nur lediglich einen kurzen Moment über diesen Konflikt berichtet, als die Huthi mit Raketen ein in Saudi-Arabien stattfindendes Formel-1-Rennen bombardierten. Dabei hätte dieser grausame Krieg, der sogar teilweise als die größte menschengemachte Katastrophe des 21. Jahrhunderts bezeichnet wird, und das unfassbare Leid der jemenitischen Bevölkerung so viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Jan Gröber